29.11.13

Sind Namen übersetzbar?


Wer oft mit fremdsprachlichen Texten arbeitet, stolpert irgendwann über Namen. Dann stellt sich die Frage: Soll ich Namen übersetzen? Geht das überhaupt? Um für eine Übersetzung in Frage zu kommen, muss der Name semantisch durchschaubar sein, also Elemente beinhalten, die man übersetzen kann. Bei Barack Obama wird das schwer. Bei Churchill geht es. Nur: Verstehen wir noch, wer gemeint ist, wenn der ehemalige britische Premier plötzlich als Winston Kirchhügel in der Zeitung stünde? Wohl kaum. Die Übersetzung von Namen real existierender Personen wird möglichst vermieden. Denn dann wäre die Grundfunktion eines Namen nicht mehr gewährleistet, nämlich die eindeutige Identifikation des Referenzobjekts. Aber es gibt Ausnahmen.

Vornamen

Oft genug treffen wir auf Vornamen, die in verschiedenen Kulturkreisen unterschiedliche Formen aufweisen, letztlich aber einen gemeinsamen Ursprung haben. Ein Karl etwa entspricht dem englischen Charles, einem spanischen Carlos oder einem tschechischen Karel. Der aus dem hebräischen kommende Vorname Maria entspricht der englischen Mary. (Hier können Sie weitere verwandte Vornamen finden.) In einigen Fällen werden Vornamen durch ihre lokalen Äquivalente wiedergegeben, und das müssen Übersetzer unbedingt beachten. Denn die Jungfrau Maria wird durchaus übersetzt: als Virgin Mary im Englischen. Karl der Große ist im Französischen und im Englischen als Charlemagne bekannt. Ein Nicht- Übersetzen würde hier die Identifikation stören.

Namen in Romanen

Im abgeschlossenen Kontext literarischer Werke lassen sich Namen sehr wohl ebenfalls übersetzen. Dort ist es manchmal sogar sinnvoll bis zwingend. Weisen Romane eine hohe Realitätsnähe auf, sind also so geschrieben, als spielten sie in der tatsächlich existierenden Welt, werden Namen in der Regel nicht übersetzt. Vielmehr weisen etwa die Namen Robert Langdon oder Sophie Neveu im Sakrileg auch auf die Herkunft der Protagonisten in der realen Welt hin, die USA und Frankreich. Anders liegt der Fall bei sprechenden Namen, Namen, die einen semantischen Wert vermitteln, etwa weil sie an bekannte Wörter angeschlossen werden können. Die Romane von Cornelia Funke sind ein anschauliches Beispiel. Im Drachenreiter bleibt die Hauptfigur Ben einfach Ben, auch in der englischen Ausgabe. Seine Begleiterin Schwefelfell hingegen bekommt einen komplett neuen Namen: Sorrel. Der Name klingt weder gleich noch lässt er sich eins zu eins übersetzen, aber er vermittelt eine ähnliche Konnotation: die gelbe Farbe ihres Fells. Sorrel kann als Fuchs im Sinne eines Pferdes mit hellbraunem oder gelbem Fell übersetzt werden. Fliegenbein, der Homunkulus, wird zu Twigleg. Bein ist übersetzbar, um aber die Konnotation – klein, zerbrechlich, fragil – zu wahren, funktioniert twig (Zweig) offenbar besser als fly. Es klingt auch eingängiger. Gut, das waren Fabelwesen. Die Übersetzer entschlossen sich aber auch, den Namen eines weiteren Menschen anders zu übertragen: Prof. Wiesengrund. Im Namen schwingt ein fröhlich, naturverbundenes Element mit, dass die Übersetzer ins Englische als Greenbloom übertrugen. Die Herkunft des Professors aus Deutschland ist in diesem Kontext nicht von primärer Bedeutung.

Fazit

Obwohl Namen in den meisten Fällen nicht übersetzt werden sollten, gibt es Ausnahmen, in denen eine Übersetzung zumindest überdacht werden muss. Deshalb sollten sich alle angehenden Übersetzer mit dem Thema auseinandersetzen.